Das Märli vom Mehrwert digitaler Medien

Der deutsche Medienpädagoge Jöran Muuß-Merholz erklärt in einem kurzen Video,  warum es falsch ist, davon zu sprechen, dass „digitale Medien lediglich ein Werkzeug“ seien. Und er findet es naiv, vom „Mehrwert digitaler Medien“ zu sprechen. Um dies zu erklären, verwendet er eine Metapher von den Pinguinen, die bekanntlich ja in zwei Medien -im Wasser und auf dem Trockenen- leben.
Für mich erhellend, um den Leitmedienwechsel besser zu verstehen. In meinem Unterricht such(t)e ich stets nach dem Mehrwert… Nun ich denke, dass es wohl besser ist, nicht neue mit den alten Medien und Techniken zu vergleichen, sondern den Sprung in die neue Medienwelt immer wieder zu probieren und Erfahrungen in diesem (neuen) Medium zu sammeln.

„In der neuen Medienwelt herrschen neue Naturgesetze. Diese müssen wir gemeinsam erkunden und verstehen.“

Hinzugefügt 2.7.19: Spaltet die Digitalisierung die Bildungswelt?

Bild: pixabay.com

4 Kommentare zu „Das Märli vom Mehrwert digitaler Medien

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  1. Danke Gallus, wirklich erhellend.
    Einfach eintauchen, in das digitale Medium…
    Es gibt so viel zu entdecken und erforschen, auszuprobieren und kennenzulernen…
    es ist erst der Anfang.

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  2. Die Medien-Pinguin-Metapher ist inspirierend, sie verdeutlicht eine an sich komplexe Überlegung. Vor noch nicht allzu langer Zeit war das Internet tatsächlich ein Werkzeug, das man zur Bewältigung von Aufgaben in der realen Welt nutzte. Nun ist es selbst eine Entität geworden, die ihre eigene Realität (und damit auch Möglichkeiten) generiert, die aber nicht isoliert im Cyberspace bleibt, sondern wiederum in die reale Welt rückkoppelt und die Konditionen des Zusammenlebens verändert. Ich glaube diesen Mechanismus sollten wir nicht vergessen, wenn wir unterrichten. Dazu weiter unten mehr. Jetzt spannend: Je grösser die Datensammlung im Internet wird, desto eher wird das Netz wohl wieder zum Werkzeug, wenn auch zum Gestaltungs-Werkzeug sozialer und nicht zuletzt politischer Realitäten. Zum Beispiel zum Bürger-Disziplinierungs-Werkzeug des chinesischen Staates. Oder zum Werkzeug für Wahlhelfer (siehe Russland-Trump) wenn es denn wirklich ein Medium sein soll, das uns Menschen Entfaltung und Eintauchen à la Pinguinflug ermöglichen würde, müsste es frei sein. Also keine Vermachtung (Begriff von Habermas) qua Monopolstellungen (Google, Apple, etc.) sondern offen und nicht kontrolliert. Nicht umsonst wich die Kommunikation bezüglich des arabischen Frühlings teilweise ins Darknet aus – hier so könnte man sagen besteht tatsächlich Hoffnung auf ein freies Medium à la Pinguinflug obwohl dessen Ruf nicht gerade gut ist. Im Augenblick ist es deshalb a) eher so, dass der Mensch in tiefe Gewässer des Cyberspace eintauchen muss, weil er zunehmend dazu gezwungen ist, will er nicht sozial isoliert werden und b) findet er sich resp. seine Daten dann in einem vermachteten Cyberspace wieder, dessen Hauptakteure grosse Firmen sind, die diese Daten in pures Gold verwandeln ohne dass der Nutzer etwas davon zu sehen bekommt. Ich denke die Kombination von Vermachtung und sanftem Zwang ist eine unheilige Allianz. Das dämpft meine Euphorie für den aktuellen Zustand des Web etwas.

    Vieles geht dank Internet einfacher – einiges wird schwieriger. Zum Beispiel die Verifizerung der Quellen. Gerade diese Woche arbeiteten meine Lernenden an einem Workshop zur Quellenangabe. Ein Ziel war, dass man die Zuverlässigkeit von Internetquellen einschätzen lernt. Wikipedia, so die erstaunten Lernenden, sei ja gar nicht einfach so zu trauen, da könne ja jeder etwas schreiben. Spannend ist nun ein interkultureller und ein historischer Vergleich: Auf der arabischen Halbinsel und in weiten Teilen des arabischen Raumes herrschte eine ausgeprägte mündliche Überlieferungskultur. Man merkte sich, was gesagt wurde und zudem auch wer es gesagt hatte. Und das ging soweit, dass sich zur Verifzierung von allfälligen Hadithen (Sprüche des Propheten Mohammad) ein eigener Wissenschaftszweig etablierte. Bevor ein Spruch des Propheten tatsächlich als „echt“ Eingang in den Kanon fand, wurde geprüft, von wem dieser Spruch überliefert wurde. Und dann wurde eine Überliefererkette erstellt (sogenannte Isnaad) und von jedem Menschen in der Überliefererkette wurde eine Biographie erstellt und nachgeforscht, indem man schaute, was die Person im Leben gemacht hat und ob es eine vertrauenswürdige Person war. Man ging hinaus in die Dörfer, wo diese Menschen gelebt haben und erkundigte sich über sie über deren Vorfahren etc.. schrieb es auf. (Interesassnterweise war es im Kontext eben nicht nur wichtig, die Geschichten zu kennen, sondern auch jene, die sie überlieferten und hierzu war wiederum notwendig, dass man die Stämme und die Verwandtschaftsverhältnisse genau kannte, kurz: Das kollektive Gedächtnis war extrem wichtig und ähnlich wie beim heutigen Blockchain-System der Kryptowährungen in jedem einzelnen Kopf abgespeichert um stets zu verifzieren, wer was wann gesagt und gemacht hat). Je Vertrauenswürdiger die Überliefererkette, desto sicherer konnte der Spruch dann tatsächlich dem Propheten zugeschrieben werden. In den Zeiten des „Postfaktischen“ sollte also genau jenes Thema im Unterricht Eingang finden: Was ist Realität, was ist Cyberfiktion, was dient wem, wenn man was glaubt und nutzt? Also: Kritisches Denken. Dies setzt jedoch Systemwissen voraus, mit dem sich danach Ereigniswissen und die Cyberwelt einordnen lässt und ich denke, dass es primär die Aufgabe unserer Schule ist, solches Systemwissen zu vermitteln (für uns Lehrpersonen: Sich solches anzueignen), damit wir lernen im Medium des Cyberspace an den Klippen „vorbeizufliegen“ und nicht daran zu zerschellen – um bei der Pinguinflugmetapher zu bleiben. D.h. wir sollten uns darüber Gedanken machen, inwieweit der Auftrag einer Bildungseinrichtung eben nicht nur die Einführung in den utilitaristischen Gebrauch von Geräten und Internet ist, sondern vielleicht auch einen kritischen Diskurs darüber anregen.

    Neben der Vermittlung von Systemwissen (und damit der Befähigung zur Quellenkritik) könnte ein weiterer kritischer Diskurs auch jener über die Datenhoheit sein. Wir sind nicht mehr im Besitz unserer eigenen Daten. Mit unseren Daten wird viel Geld verdient ohne dass wir davon etwas sehen (die digitale Elite des Silicon Valley hat sich beispielsweise grosse Teile von San Francisco angeeignet – da wird das Virtuelle plötzlich wieder real: Der Tacoverkäufer muss mit steigenden Mietzinsen rechnen oder wird verdrängt und da kommt es schon mal vor, dass Steine gegen Google-Busse fliegen – echte Steine). Wie lassen sich solche Prozesse umkehren? Wie kann man App-Anbieter soweit bringen, dass sie für meine Infos bezahlen müssen. Welchen Einfluss hat die Datensammlung auf unser Zusammenleben? Auf unsere Demokratie? (siehe Russlands Cyber-War gegen Estland, als Versuchskrieg und Testlauf für die Ukraine und USA – destabilisieren statt erobern) Man sucht gezielt Schwachpunkte und Bruchlinien in einzelnen Gesellschaften, Staaten und giesst dort via Cyberspace gehörig Öl ins Feuer um die Konflikte anzuheizen.
    https://www.dasmagazin.ch/2017/09/01/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin/?reduced=true

    Was wird, wenn wir selber für den Staat zum Datensammler werden mit unseren Endgeräten? Wie in China? https://www.srf.ch/news/international/wenn-der-staat-alles-sieht-der-perfekte-chinese
    Können wir dann noch Unterrichtsnotizen auf einem Handy machen ohne dass wir vielleicht Maluspunkte bekommen? Oder Bonuspunkte? Je nachdem was wir schreiben und ob es genehm ist? Wo halten wir uns wann auf? Zu lange in der Pause gewesen – gibt Maluspunkte… hat Einfluss auf die Lohnklasse und auf die Schulkategorie der möglichen zukünftigen Kinder…

    Ich denke, wir haben an unserer Schule neben dem Erklären von Funktionen, dem Verknüpfen von Medien dem Erfahren von Möglichkeiten im Cyberspace vor allem die Aufgabe zu Bilden.

    Bildung heisst für mich: Menschenbildung. Charakterstarke, selbstbewusste, junge Menschen, die bei uns mit Argumenten – auch im Cyberspace – ihr denken schärfen können, die Klingen mit uns und sich kreuzen und in der Begegnung miteinander lernen, wie man sich im Cyberspace bewegt und wie man sich den Cyberspace dienstbar macht und nicht umgekehrt. Ich glaube deshalb mag ich die eher schwierigen, kritischen und manchmal auch etwas renitenten Lernenden gut: Klingen kreuzen… auf dass das bessere Argument gewinnen möge – das Ziel wäre am Ende der Lehre, dass der Lehrer dabei verliert – sich also quasi überflüssig macht. Als Lehrer will ich Visionen haben – nur so macht es Spass.

    Vielleicht noch etwas zum Argumentieren im Cyberspace:
    Die Algorithmen im Netz machen es mir gerade eben nicht einfach die argumentativen Klingen zu kreuzen, denn sie bringen mich eher mit Gleichgesinnten in Kontakt, schlagen mir ähnliche Musik vor, die ich auch noch mögen könnte, oder Filme oder Dinge die andere, die sich für das Gleiche interessieren auch noch angeguckt haben. Sprich: Um einen herum wird eine Echokammer gebildet, die genau das abbildet, was ich sehen, denken, fühlen, hören, kaufen möchte und eben auch was ich selber meine) wo bleibt da die Auseinandersetzung, die Vielfalt? Die muss man gezielt suchen. Vielleicht im Klassenzimmer? Im Unterricht eigenen sich zum Beispiel die Themen Kaufen und Konsum oder Wahlen Ideal um das Phänomen der Echokammer anzusehen und zu testen. Welche Anzeigen erscheinen, wenn ich zuvor bestimmte Dinge mit der Suchmaschine gesucht habe. Oder: Erscheinen bei allen Lernenden dieselben Vorschläge, wenn alle mit demselben Begriff eine Google-Suche starten? Sind sie anders rangiert? Welche Kriterien werden verwendet, um als Website ganz oben zu erscheinen (Google nennt 4 Kriterien + eine eigene Blackbox, die sie nicht verraten sowie Verschlagwortung der Seiten, häufiges Updaten der Website, möglichst wenige tote Links, zusätzlich kann man mit Google Ad-Words Listenränge kaufen, indem man in einem Bietsystem pro Klick einen gewissen Betrag bezahlt Der Höherbietende wird höher gelistet. Der Betrag wird fällig, wenn es zu einer Transaktion kommt (sprich: wenn ich tatsächlich etwas verkaufe) sind bei anderen Suchmaschinen die Algorithmen weniger selektiv? Vergleichen und ausprobieren im Unterricht hilft. Und da bin ich wieder voll mit dabei: Wieso nicht einmal als Klasse gefakte Facebook-Accounts anlegen und innerhalb der Klasse Einstellungen und Dinge auszuprobieren ohne dass dabei die reale Person (der echte Account) tangiert ist – also eine Art Laborzustand schaffen? Zu schauen, wie sich das System verhält wenn ich mein Verhalten ändere? Rollenspiele als Aufträge? Andere Netzwerke kennenlernen? Berufliche? Anstelle einer schriftlichen Bewerbung einen Account bei Xing oder Lined-In anlegen – unter professioneller Anleitung wohlverstanden. Und ja: Obwohl surfen ja viel Energie braucht, sollten die Lernenden unterwegs nicht jedes Cookie nehmen, das sich anbietet 😉

    Quellen:

    Sunstein, Cass R. (2017): #republic. Divided Democracy in the Age of Social Media. Princeton University Press, New Jeresey 08540.

    Nufer, Pacal (2018): Überwachung total in China. In: Rundschau (25.05.2018) (siehe hier z. B. bei 2:31) https://www.srf.ch/news/international/wenn-der-staat-alles-sieht-der-perfekte-chinese (16.09.2018)

    Grassegger, Hannes (2017): Stell dir vor es ist Krieg und keiner merkts. In: Das Magazin Nr. 35, 2. Sept 2017 https://www.dasmagazin.ch/2017/09/01/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin/?reduced=true

    Baumann, Zygmunt; Lyon David (2013): Daten, Drohnen, Kontrolle. Suhrkamp, Berlin.

    Grassegger, Hannes (2018): Das Kapital bin ich. Meine Daten gehören mir. Kein und Aber. Zürich.

    Schoeler, Gregor (1996): Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds. In: Noth, Albrecht (Hg.): Studien zur Sprache, Geschichte und Kultur des islamischen Orients. Bd. 14. Berlin, New York: Walter de Gruyter

    Strohmaier, Gotthard (2002): Al-Biiruunii. In den Gärten der Wissenschaft. Reclam, Leipzig.

    Rauchfleisch, Adrian; Schäfer, Mike S. (2017): Katz- und Maus-Spiele im chinesischen Internet. In: Smartphone-Demokratie, NZZ-Libero S.171-195

    Fuchs, Martin (2017): Warum Social Bots keine Gefahr für die Demokratie sind. In: Smartphone-Demokratie, NZZ-Libero S. 143-153.

    Habermas, Jürgen (2009): Theorie des kommunikativen Handelns. Band I: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Suhrkamp.

    Gefällt 3 Personen

    1. Uiih, da spannst du ein weites Feld, Stefan und ich „muss“ mich grad konzentrieren beim Lesen… Danke für deine Überlegungen. Und du zeigst die beiden Seiten der Medaille.
      Deine Definition „Bildung heisst für mich: Menschenbildung. Charakterstarke, selbstbewusste, junge Menschen, die bei uns mit Argumenten – auch im Cyberspace – ihr Denken schärfen können…“ gefällt mir ausgezeichnet. Grad auch als Ausgleich zu den Echokammern. Solche Bildung auch mit digitalen Mitteln zu fördern, ist wahrscheinlich die noble Aufgabe als Lehrer.

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